KRAV MAGA: LEBEN UND LEHREN

Der Start
Vor zwei Jahren ging ich zu meiner ersten Krav Maga-Stunde; ein Selbstverteidigungssystem, das Elemente aus verschiedenen Kampfsportarten verwendet, mit dem Unterschied, dass es keine Regeln und auch keine Wettkämpfe gibt. Übelkeit, nervös und unsicher stand ich bei der Aufwärmung. Aber ich war da. Die Jahre zuvor hatte ich mich langsam aber sicher vollständig aufgerieben, sowohl mental als auch physisch. Mit den besteintentionen, aber nicht mit guten Folgen für mein eigenes Wohlsein. Ich geriet in eine Depression und darüber hinaus kamen noch allerlei körperliche Beschwerden, die Folge von chronischer Überschreitung meiner eigenen Grenzen waren. Ich verwandelte mich von einer unternehmungslustigen, begeisterten Person zu einem zurückgezogenen und ängstlichen Menschen.
Offenbarung
Von meiner besten Freundin bekam ich in diesem Zeitpunkt 10 Krav Maga-Stunden geschenkt. „Ist das in der Situation überhaupt eine gute Idee?“ höre ich Sie denken. Auch ich zweifelte, aber ich zwang mich selbst, doch zu der ersten Stunde zu gehen. Das stellte sich als Offenbarung heraus. Anders als ich erwartet hatte, war es kein Training für Angeber. Es gab keinen Raum für Vorführungen oder viel Gerede. Nur Fokus und Übung. Schon nach der ersten Trainingseinheit war mir klar; Das ist es für mich. In den ersten Wochen hatte ich nach dem Unterricht so einen Muskelkater, dass ich kaum die Treppe noch herunter gehen konnte. Das war auch ein schönes Gefühl; mein Körper merkte, dass er hart geschafft hat. Und ich hatte blaue Flecken, aber gut; das gehört dazu. Es erinnerte mich daran, dass ich mich verteidigen und Widerstand bieten konnte. Noch bevor ich meine zehn Schnupperstunden hatte, entschied ich mich, ein Abonnement abzuschließen. Obwohl das Training zu Beginn mit Höhen und Tiefen ging, sollte ich noch kein Jahr später mein B1 Examen bestehen.
Headspace
Die Trainings hatten Wirkungen, die ich vorher nicht geahnt hatte; ich wurde innerhalb weniger Wochen wieder fit und stark. Aber auch meine Einstellung veränderte sich. Dort, wo ich zu anderen Momenten des Tages sehr viel an meinem Kopf hatte und über alles nachdachte, bot Krav Maga mir 75 Minuten Kopffreiheit. Nach der Stunde fühlte ich mich leichter und schlief besser. Das Training fordert von dir, dass du deine Fokussierung auf das beibehältst, was du gerade tust. Angenehm ist auch, dass man sofort anfangen kann. Ob man nun Einsteiger oder Fortgeschrittener ist; jeder kann an dem gleichen Training teilnehmen. Diese Uniformität motiviert auch; alle trainieren miteinander und du lernst von Fortgeschrittenen, aber auch von Anfängern, die es auf verschiedene Weisen tun. Obwohl Krav Maga kein Teamsport ist, gibt es doch Teamgeist; man hebt einen anderen auf ein höheres Niveau und das gibt positive Energie. Techniken werden von Trainern deutlich erklärt, aber das meiste lernt man einfach indem man es macht. Man schafft so 'Muskelgedächtnis'; dein Körper weiß zu einem bestimmten Zeitpunkt, was er zu tun hat, ohne darüber nachdenken zu müssen.
Grenzen
Ein wichtiges Thema in Krav Maga, so habe ich erfahren, sind Grenzen. Um diese zu überschreiten, muss man sie zuerst erkennen. Auf der anderen Seite lernt man bestimmte Grenzen auch zu erkennen und vielleicht noch wichtiger; sie zu akzeptieren. Das geschieht auf physischem, aber auch auf mentalem Level.
Vor einigen Monaten erlitt ich eine Nasenfraktur bei einem Training. Seid beruhigt; das geschieht nicht regelmäßig! Es war Folge einer Zusammenkunft von Umständen. Einer dieser Umstände war, dass mein Gegner einen unglücklichen, hohen Tritt ausführte, der nicht beabsichtigt war. Ein anderer Umstand war, dass ich meine Fokussierung nicht hatte. Ich war sehr mit meinem Kopf beschäftigt und fühlte mich nicht wohl. Trotzdem drängte ich mich weiter. Obwohl ich merkte, dass ich diesen Gegner zu dem Zeitpunkt nicht bewältigen konnte, gab ich nicht meine Grenze an, weil ich es unbedingt versuchen wollte. Ich akzeptierte also nicht die Realität des Momentes. Und ich hatte eine Wahl; ich hätte aufhören können und meine Grenze anzeigen können. Hätte ich mich und meine Möglichkeiten in diesem Moment anerkannt und respektiert, hätte ich vielleicht verhindern können, dass meine Nase an mehreren Stellen bricht.
Selbstkenntnis
Glücklicherweise konnte meine Nase gerade gerichtet werden und man siehst jetzt nichts mehr davon. Es machte mir jedoch Angst; hätte ich das überhaupt tun sollen? Einige Wochen durfte ich nicht trainieren, aufgrund des Risikos, dass ein kleiner Schlag die Nase erneut brechen könnte. Aber ich begann, die Stunden zu vermissen und suchte nach Weisen, um trotzdem zu trainieren. Das lehrte mich, wie schwierig ich das auch finde, manchmal einen Schritt zurück zu machen. Das bedeutete in diesem Fall vorsichtiger zu trainieren, ruhiger anzugehen, nicht immer die schwierigsten oder härtesten Sparringspartner zu wählen. Anerkennen, dass man verwundbar ist, denn zugeben, dass es Angst gibt und trotzdem in Bewegung zu bleiben. Das ist ein entscheidender mentaler Lernprozess. In 'realen lebenssituationen' ist es nämlich auch wichtig, sich und seine Möglichkeiten zu kennen, wenn man einen guten Eindruck von einer Krisensituation bekommen will, in der man bedroht oder angegriffen wird.
Widerstandsfähigkeit
Krav Maga lehrt dich, jede einzelne Zeit wieder aufzustehen. Du weißt nie, was auf deinem Weg kommt und veränderliche Umstände erfordern Anpassung. Eines der größten Herausforderungen, denn das ist nicht immer einfach; schau dir einfach die Corona-Virus-Krise an. Stress lähmt uns oft; wir kommen zum Stillstand. Wir wissen nicht sofort, wie wir improvisieren sollen, wenn Situationen entstehen, die wir nicht kennen. Das ist nicht schlimm; es ist schließlich menschlich. Aber wenn du übst, in Bewegung zu bleiben nach einem Rückschlag und wieder aufzustehen, nachdem du einen Schlag einstecken musstest, dann trainierst du so auch deine persönliche Widerstandsfähigkeit.
Zustand des Geistes
Es ist zu kurz gefasst, um zu behaupten, dass nur Krav Maga mir geholfen hat, um darüber hinwegzukommen, aber es hat aufjedenfall ein großes Anteil daran. Ich bin wieder lebensfreudig und kampflustig. Kurz vor der Corona-Krise begann ich damit, die Kinder bei Krav Maga-Training zu unterstützen. Hoffentlich können die in einer Weile wieder anfangen. Ich selbst habe während der Corona-Krise Material angeschafft, um mit meiner Partnerin zu trainieren und ihr einige Techniken beizubringen. Auch das hilft in dieser Zeit voller Unsicherheiten. Krav Maga ist für mich also viel mehr als 'Sport' oder Selbstverteidigung; es ist ein Zustand des Geistes. Das wünsche ich jedem, der sich trübselig, gestresst, ängstlich oder traurig fühlt.
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